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Äcker und Weiden, Sümpfe und Kloaken, winklige Gassen
und staubige Wege, Bauernhäuser und Spelunken Bremer
BürgerInnen bietet sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem
Osterthor-Steinweg, je weiter sie nach Osten kommen, ein stellenweise
idyllisch anmutendes, aber zunehmend unwirtliches Bild.
Zwischen den Wallanlagen und dem Dorf Hastedt wohnen nur wenige
tausend Menschen, vor allem im altstadtnahen, heutigen Ostertorviertel.
Jenseits des Steinthors mag sich kaum jemand ansiedeln, wird das
Gebiet doch nahezu jährlich durch den Bruch des Eisenraddeichs
von der Weser überschwemmt. Die BewohnerInnen der Vorstädte
leben größtenteils von der Landwirtschaft. Dann gibt
es da noch die wohlhabenden StadtbürgerInnen, die, vor allem
an der Contrescarpe, nicht nur einen Sommersitz im Grünen haben,
sondern diesen immer öfter in ein repräsentatives Wohnhaus
am Rande der Altstadt wandeln. Ihnen sind HändlerInnen und
HandwerkerInnen gefolgt.
Die Bremer Pfeffersäcke machen immer bessere Geschäfte
in diesen Jahren, mit Übersee, vor allem mit dem «Export»
von AuswandererInnen in die USA. Bremen hatte sich hierfür
ein deutschlandweites Monopol gesichert. Mit dem Hinterland hingegen
läuft wenig. Kaufleute und HandwerkerInnen der «Freien
Hansestadt» waren wegen der hohen Zölle kaum konkurrenzfähig.
Die rechtlichen Grundlagen für eine profitable Bebauung der
Vorstädte werden Anfang 1849 geschaffen: Große Teile
des Landgebiets werden in die Vorstädte eingemeindet, die Torsperre
wird aufgehoben, das Stadtgebiet vervierfacht sich. Während
in anderen grossen deutschen Städten zusehends Mietskasernen
für das immer größer werdende Industrieproletariat
hingeklotzt werden, besteht in Bremen dafür vorerst kein Anliegen.
So begründet 1849 ein Abgeordneter die Ablehnung eines entsprechenden
Bauantrages durch den Konvent (Bürgerschaft): «Durch
die Familienhäuser wird nicht nur ein Proletariat herangezogen,
sondern auch die wilden Ehen gefördert, die ohnehin schon in
ziemlicher Masse vorhanden sind». Die Pfeffersäcke sind
besorgt, wenngleich die gescheiterte bürgerlich-demokratische
Revolution 1848/49 auf Bremen nur wenige und schon kaum proletarisch-klassenkämpferische
Auswirkungen hatte. Aber man kann ja nie wissen. Gebaut wird statt
dessen das später so genannte Bremer Haus, das, auch wenn es
beim Gang durch die Straßen einen ziemlich individuellen Eindruck
macht, im Prinzip ein Reihenhaus ist.
Rund 2600 dieser Häuser entstehen allein in den Jahren 1848
bis 1875 im Ostertor- und Steintorviertel. Die alten Gebäude,
die noch zu Beginn des Jahrhunderts das Bild prägten, sind
bis auf Ausnahmen genauso wie ihre BewohnerInnen, die sich
die Gegend nun kaum noch leisten können verschwunden.
Ein lukratives Geschäft
In den 1850er/60er Jahren suchen die Kaufleute und Reeder nach Anlagemöglichkeiten
für das reichlich vorhandene Kapital. Manche von ihnen investieren
jetzt in die Bauwirtschaft, viele kaufen sich ein Haus in der östlichen
Vorstadt. Wohnungsbau wird ein lukratives und spekulatives Geschäft.
Gebaut wird nicht im Auftrag der späteren KäuferInnen,
sondern massenhaft für einen anonymen Markt, in der Hoffnung,
die Häuser dann möglichst gewinnbringend verkaufen zu
können.
Stadtplanung findet im wesentlichen nicht statt, sie ergibt sich
aus den Bedürfnissen des Kapitals. Bauunternehmer erwerben
einige Grundstücke und holen sich beim Rat die Genehmigung
für eine neue Straße. Freiflächen und Plätze,
die die Blockstruktur der immer dichter nebeneinander liegenden
Straßen auflockern könnten, sind nicht vorgesehen.
Allerdings: Hinterhöfe, die nur durch schmale Gänge zu
erreichen sind, dürfen nach der Bauordnung von 1847 nicht mehr
bebaut werden. Das «Gängeverbot» hat aber wenig
mit fürsorglichen Erwägungen für die BewohnerInnen
der zumeist elendigen Hinterhäuser zu tun. Die Entstehung sogenannter
Arme-Leute-Viertel zu verhindern oder per Sanierung aufzulösen
, ist prophylaktische Aufstandsbekämpfung und Kriminalpolitik
(wie auch die Einführung der polizeilich «gewünschten»
Straßenbeleuchtung im Jahre 1854). Denn für die Staatsmacht
schwer kontrollierbare Hinterhäuser dienten «sehr leicht
zum Verstecke für solche Individuen [...], die Ursache haben,
sich und ihr Thun und Treiben der polizeilichen Aufsicht zu entziehen».
Während die Bebauung des Ostertorviertels nach nur rund zwölf
Jahren 1860 im wesentlichen abgeschlossen ist, tut sich hinter dem
Dobben zunächst noch wenig. Der Bau des neuen Deichs verläuft
recht langsam, es mangelt an Erschliessungsstraßen und vor
allem hat seit 1853 der Bebauungsplan des Bremer Baudirektors Alexander
Schröder Gesetzeskraft. Schröders Gitternetzplan, dessen
Straßen alle strikt Nord-Süd bzw. Ost-West ausgerichtet
sind (wobei die vorhandenen Straßen erhalten bleiben) ist
stark auf die erwartete sprunghafte Zunahme des Verkehrs ausgerichtet.
1874 ist dann auch der Großteil des Steintorviertels bebaut.
Wenngleich jetzt über 500 Häuser in der östlichen
Vorstadt leer stehen. Immer öfter sind in den «Gründerjahren»
(1871-75) nicht die kleineren Varianten des «Bremer Hauses»,
sondern sie versprechen mehr Gewinn größere
Typen gebaut worden. Aber die gerade mit der Reichsgründung
1871 boomende Wirtschaft ist in die «Gründerkrise»
geraten. Mit verheerenden Auswirkungen für «kleine»
HausbesitzerInnen. Viele von ihnen verlieren jetzt durch Zwangsversteigerungen
Haus und Hof. Auch (ehemals) wohlsituierte BürgerInnen können
sich den Kauf eines solchen Hauses kaum noch leisten. Zumindest
für ein paar Jahre.
«Umleitung der Lebensströme»
Anfang des 20. Jahrhunderts ist Bremen zu einem bedeutenden Industriestandort,
eines der Zentren der Rüstungsindustrie geworden, die Bevölkerungszahl
steigt rapide, immer mehr Arbeitskräfte werden ge-braucht.
Stadtplanung soll sich an den Bedürfnissen der Industrie orientieren.
Mitte der 1920er Jahre diskutieren Stadtplaner erstmals den grossen
Wurf zur «Umleitung der Lebensströme», soll
heissen: des Verkehrs. Ein «Tangentenviereck» aus neuen
und besseren Strassen soll angelegt werden, welche die historische
Kernstadt umschließen. Doch woher den Platz dafür nehmen?
Ganz einfach. Für die beiden wichtigsten Komponenten, zwei
Weserbrükken westlich und östlich der Altstadt und ihre
zuführenden Trassen, sollen die eher proletarische Stephanivorstadt
sowie Teile des Ostertorviertels plattgemacht werden. Schade für
die BewohnerInnen, aber, auch das wird recht unverblümt diskutiert,
aus ordnungspolitischen Gründen «nicht unerwünscht».
Denn das Ostertorviertel gilt als sanierungsbedürftig, die
Bevölkerungsstruktur gilt als inhomogen und damit schwer kontrollierbar.
Die Trassendiskussion ist damit eröffnet, wenngleich die Pläne
vorerst keine Chance auf Umsetzung haben. Genauso
wenig wie die nationalsozialistischen der 1930er /40er Jahre, die
das Ostertorviertel hinter einer Ostbrücke zum «festlichen
Empfangsraum» für diejenigen machen wollen, die vom Flughafen
her kommen.
Während im Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte Bremens
durch die alliierten Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt wurde,
bleibt die Östliche Vorstadt weitgehend erhalten. Hier gab
es keine Häfen, keinen für den faschistischen Angriffskrieg
bedeutsamen Schiffs- und Flugzeugbau, keine kriegswichtigen Betriebe.
Doch der Bereich Ostertor-Remberti steht immer noch zum Abriß
an, soll zugunsten einer Ostbrücke mit anschließender
Trasse, die die Neustadt mit Schwachhausen und der Bahnhofsvorstadt
verbindet, und der Erweiterung der Innenstadt großenteils
verschwinden. Indes ist dies zwar in Zeiten massiver Wohnungsnot
ein ziemlich unpopuläres Vorhaben, doch 1959 beschließt
die Bürgerschaft die Bebauungspläne.
Städtische und private Grundstücks- und Wohnungsbaugesellschaften
kaufen in den vorgesehenen Trassen Haus um Haus auf und beginnen
mit der zügigen Umsetzung der Pläne. Zunächst auf
dem Gebiet des Rembertikreisels. Und da die Trasse das Wohngebiet
ohnehin zerstören würde, was liegt näher als gleich
(fast) das ganze Ostertorviertel abzureißen und neu zu bebauen?
In einem Gefälligkeitsgutachten werden fast sämtliche
Häuser im Gebiet zwischen geplanter Trasse, Ostertorsteinweg,
Sielwall und Osterdeich sowie weitere Teile des Viertels
als «in schlechtem Zustand befindlich» bzw. zu
Gebäuden, «die aus städtebaulichen Gründen
ganz oder teilweise erneuert werden müssen», erklärt.
Vorgesehen ist statt dessen eine großflächige Stockwerksbebauung
mit hoher Wohndichte.
Während die Stadtplaner sich in immer neuen Vorschlägen
zur Trassenplanung ergehen, formiert sich ab Ende der 1960er Jahre
der Widerstand der BewohnerInnen. Im Ostertorviertel wohnt derweil
nur noch, wer schon immer dort gelebt hat oder sich nichts besseres
leisten kann. Zu den Alteingesessenen kommen immer mehr Menschen,
die hier billigen Wohnraum finden bzw. über das Sozialamt einquartiert
werden die Stadt, inzwischen gehört ihr fast jedes vierte
Haus, will ihren Besitz bis zur Verwirklichung der Trassenpläne
nutzen: Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen, MigrantInnen,
StudentInnen (ab 1972), RentnerInnen.
Doch auch wenn es in schriftlichen wie in mündlichen Erinnerungen
alter KämpferInnen ganz anders klingt: Der «Trassenkampf»
wird nicht durch den virulenten Widerstand der Viertel-BewohnerInnen
entschieden noch durch Jusos oder linke Sozis, Außerparlamentarische
Opposition, Neue Linke oder Bürgerverein Östliche Vorstadt.
Wesentlicher Grund dafür, daß Ende 1973 das endgültige
Aus für die Trassenpläne verkündet wird, ist die
sich anbahnende «Weltwirtschaftskrise». Die 1959 verkündete
EinwohnerInnenzielzahl von 800.000 erweist sich damit als illusorisch.
Ungesund
Das Viertel gilt Mitte der 1970er Jahre als in jeglicher Hinsicht
ziemlich heruntergekommen. In den stehengebliebenen Häusern
wurde zumeist nur das Notwendigste zur Erhaltung der Bausubstanz
getan. Da es den Anforderungen an «gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse»
so gar nicht entspricht, kann es als Sanierungsgebiet ausgewiesen
werden. Als «Sanierungsträger» wird 1973 die vom
Senat eigens zu diesem Zweck (um)gegründete Bremische Gesellschaft
für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau mbH (kurz:
Bremische) beauftragt. Doch die Sanierung eines Stadtteils bedeutet
natürlich nicht nur Objektsanierung und Lükkenschließung,
sondern gerade auch Ordnungspolitik, durchgesetzt in Form von Sozial-
und Bevölkerungspolitik Denn auch um die soziale Struktur der
BewohnerInnen ist es in den Augen von Stadtplanern und BehördenstrategInnen
nicht zum besten bestellt. «Eine stärkere soziale Mischung
der verschiedenen Bevölkerungsgruppen [...] zu fördern»,
setzt das erste Sanierungskonzept der Baubehörde von 1973 als
eines der zentralen Ziele, was besonders durch den Zuzug junger
Familien geschehen soll.
Um das Sanierungsgebiet zu «gesunden», müssen Teile
der Bevölkerung herausgedrängt und vor allem junge, innovative,
konsumfreudige und kinderliebende BürgerInnen angelockt werden.
Und das geht so: Ab 1976 wird versucht, über die Bremische
den Großteil der Häuser an ihre vorherigen EigentümerInnen
zurückzuverkaufen. Mit mäßigem Erfolg. Etwas besser
läuft da schon der Verkauf an die gegenwärtigen MieterInnen.
Klappt's mit dem Verkauf nicht, wird durch die Bremische «objektsaniert».
Eine Vielzahl Bremer Häuser wird zumeist kleinfamiliengerecht
umgebaut. Wer dort wohnt, darf später wieder einziehen, steht
die Wohnung allerdings leer, wird sie an solche InteressentInnen
vermietet, die geeignet erscheinen, die Sozialstruktur des Wohngebiets
zu «verbessern». Dem Sozialwerk der Universität
werden sämtliche Mietverträge gekündigt, MigrantInnen
wird eine Umzugsprämie in die Nähe ihres Arbeitsplatzes
gezahlt. Dennoch verläuft die Sanierung eher schleppend, immer
noch stehen viele Häuser leer, weil sie renoviert werden müssen
oder mit ihnen spekuliert werden soll. Ende des Jahrzehnts wird
daher dazu übergegangen, vermehrt nicht sanierte Gebäude
zu verkaufen. Hier schlagen vor allem LehrerInnen, SozialpädagogInnen,
AnwältInnen und dergleichen mehr zu.
Viele können sich die neuen «frei erzielbaren»
Mieten nicht leisten oder werden von den neuen BesitzerInnen (z.B.
wegen Eigenbedarfs) hinausgeklagt. Nicht trotz, sondern gerade wegen
der Sanierung gibt es im Viertel eine prekäre Wohnungsnot bei
denjenigen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Dem
abzuhelfen, werden ab Frühjahr 1979 im gesamten Ostertor- und
Steintorviertel zahlreiche, meist unrenovierte Häuser besetzt,
die der Stadt oder gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften gehören.
Geräumt wird in der Regel nur, wenn die BesitzerInnen unmittelbar
etwas mit den Gebäuden vorhaben. Oftmals gibt es, nach langwierigen
Verhandlungen, befristete Nutzungsverträge, die später
dann in Mietverträge gewandelt werden; zumal sich viele BesetzerInnen
bei der Renovierung nützlich gemacht haben.
Die Bevölkerungsstruktur ändert sich aufgrund der erzwungenen
Wanderungsbewegungen drastisch, wenngleich nicht nur im stadtplanerisch
gewünschtem Maße. Zwar hat jetzt die Zielgruppe der 20-
bis 40jährigen einen Bevölkerungsanteil von knapp 45%,
doch die leben zu einem großen Teil in Wohngemeinschaften
und wollen noch keine Kleinfamilie gründen. Das
Viertel ist zum Sammelbecken für junge, dynamische, sich oftmals
als alternativ oder links(radikal) verstehende Männer und Frauen
geworden, die sich hier eine dem momentanen Lebensgefühl entsprechende
Infrastruktur schaffen bzw. diese vorfinden. Das geht weit über
WG-Gründungen hinaus: Kneipen und Dealer illegaler Drogen,
Buchläden und Ateliers, Kinos und Discos, Schnickschnack- und
Second-Hand-Läden, später das Lagerhaus oder das Sielwallhaus.
Eine Subkultur, die durch «Rotlicht-Bars» und Strich,
Loddel und Huren, türkische Gemüse- und Sonstwas-Händler
noch ein zusätzliches Flair erhält.
«Trau keinem über 30»
Doch man und frau wird älter, gesetzter, sitzt jetzt vielleicht
in den «Institutionen» (Schulen, Ortsamt, Behörden
etc.) und hat neue, vor allem auch ökonomische Ansprüche
entwickelt, will eine Familie oder etwas ähnliches
gründen, hat die «Erkenntnis» gewonnen, daß
sich (radikaler) Widerstand kaum lohnt, will aber gerade im subkulturellen
Viertel schöner wohnen «statt Schwachhausen».
Schließlich hat man/frau dafür, manche schon gegen die
«Trasse», gekämpft. Doch ein bißchen netter,
sauberer dürfte es schon sein. Daher ist eine weitere «Wohnumfeldverbesserung»
mehr als erwünscht, denn an moderner Infrastruktur mangelt
es dem Viertel fast völlig: Sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung
sind die sich ab Anfang der 1980er am Ostertorsteinweg breit machenden
Boutiquen und Schickeria-Läden. Daß die von Autonomen
mit «Scherbengerichten» kurzzeitig bekämpft werden,
findet wenig Verständnis. Und doch haben die meisten, schließlich
waren sie ja auch einmal jung, wenig Probleme damit, daß das
Viertel zur auch polizeilich zugelassenen und, ob der hiesigen Konzentration,
geförderten Spielwiese der autonomen Szene wird, so die es
denn nicht übertreibt. In den kommenden Jahrzehnten werden
Autonome, Linke und Alternative sich im Viertel zwar «austoben»,
zwischenzeitlich beträchtliche politische Wirkung entfachen
können, doch weitgehend ins Leere laufen: Reden wir darüber,
es wird sich, sofern machbar, schon eine Lösung finden.
Im größer gewordenen Deutschland der 1990er Jahre werden
auch in Bremen die (Verteilungs)Spielräume kleiner, Repression
ersetzt immer öfter Sozialpolitik. Ein großer Teil der,
ausweislich der Wahlergebnisse, überwiegend links-alternativen
BewohnerInnen scheint sein Hirn in der Biegung des Flusses (etwa
in Höhe des Weserstadions) begraben zu haben. Befördert
durch den staatlichen und medialen Sicherheitsdiskurs ist jetzt
von «Verslumung des Viertels» die Rede. Schuld soll
die hier seit den 1970er Jahren durch verschiedene polizeiliche
und soziale Maßnahmen konzentrierte «offene Drogenszene»
sein. Und diejenigen, die sich schon seit vielen Jahren nicht mehr
politisch engagiert haben, finden sich jetzt wieder in Bürgerinitiativen
und, kinderbewehrt, zu Demonstrationen, zusammen. Das «Elend»
vor der eigenen Haustür nicht mehr länger mit angucken,
sich nicht in der Konsumfreude stören lassen zu wollen, heißt
aber nicht, sich in scharfen Analysen staatlicher Drogenpolitik
zu versuchen. Statt dessen wird die Vertreibung der Junkies gefordert
und, offen rassistisch, auch die der mutmaßlichen kurdischen
oder heute schwarzen Dealer. Durchaus mit Erfolg. Aber um ganz sicher
zu gehen, werden Schulen und Spielplätze, Parkplätze und
Innenhöfe sowie 1991 unter anderem auch der Ostertorpark eingezäunt,
zuvor eines der wenigen Naherholungsgebiete in der Gegend.
Auch wenn inzwischen die «offene Szene» so klein geworden
ist, daß sich mit dem Thema zumal andauernde polizeiliche
Repression gesichert ist kaum noch jemand auf die Straße
locken läßt: DrogengebraucherInnen müssen seit Jahren
für vieles Übel dieser Viertel-Welt herhalten. Und so
manche AktivistInnen begreifen ihr «Engagement» als
einen seit Jahrzehnten andauernden Kampf für das Viertel. So
auch einige LeserinnenbriefschreiberInnen, die sich Anfang Juli
an den Kurier am Sonntag wandten, um eine erneute Welle des gerechten
Volkszorns gegen das verbliebene Häuflein Junkies zu organisieren.
Da wird von Gerburg R.-D. ganz unverblümt der Bogen vom «Kampf
um das Ostertor [...] vor 30 Jahren» wider besseren Wissens
zur «offenen Szene» von heute geschlagen: «Inzwischen
ist am Sielwall eine ganze Geschäftszeile verslumt, vier Geschäfte
im Müll untergegangen, ihre sich aneinanderreihenden verwahrlosten
Schaufenster bieten ein Bild wie auf Fotos von amerikanischen Ghettos.»
Auch Lolo D. stört sich daran, daß am Eck »zugedröhnte
Menschen lagern und Müll verbreiten». Und daß im
Frühjahr ein Drogengebraucher zwecks Geldbeschaffung einen
der hiesigen Läden überfiel, in dem eine Frau arbeitete,
bietet ihr wie auch anderen Gelegenheit, das Problem
endlich einmal unter einem neuen Gesichtspunkt zu verhandeln: Hierbei
handele es sich nämlich um «Gewalt gegen Frauen».
Allerdings: «Wer härteres Durchgreifen und
Schutz fordert, wird im Viertel schnell in die rechte Ecke
geschoben.» Lolo D. muß sich da keine Sorgen machen,
sie steht schon lange dort. Allerdings ist diese «Ecke»
schon lange keine mehr. Was nicht nur daran liegt, daß linke
Versuche, den «Widerstand im Viertel [zu] organisieren»
auch aus Desinteresse der eigenen Klientel zumeist
kläglich gescheitert sind.
(Text redaktionell gekürzt)
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