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»Gegenöffentlichkeit schaffen, Genossen!«
So hieß ein sonderbarer Popsong der 70er Jahre, der immer
dann kollektiv angestimmt wurde, wenn es zumeist nach irgendeiner
Schweinerei des Systems galt, politisch zu intervenieren.
Inflationär gebraucht, verschwand der Begriff spätestens
Mitte der 80er in der Nostalgie-Schublade für selbstgestrickte
Alternativ-Floskeln. Seitdem wird das, was mit dem Begriff gemeint
sein könnte, in regelmäßigen Abständen neu
besungen, für »out« erklärt und kurz darauf
Oldie but Goldie erneut wiederbelebt. Was genau ist
aber Gegenöffentlichkeit? Und was müssen wir tun, um an
sie zu glauben?
Von Carsten Does (hybridvideotracks)
Rückblende: Im Prozeß der bürgerlichen Revolutionen
begann das politisch räsonnierende Publikum, wie es Kant nannte,
also jenes dem neuen Medium Zeitung zugewandte Bürgertum, das
sich bei Tee und Gebäck zur kritischen Diskussion des Gelesenen
in den Salons einfand, dem Obrigkeitsstaat die öffentliche
Gewalt streitig zu machen. Der obrigkeitsstaatliche Herrschaftswille
sollte durch die öffentliche Konkurrenz privater Argumente
ersetzt werden, in der sich auf vernünftige Weise das im allgemeinen
Interesse Liegende herstellt. Ein durch die Öffentlichkeit
gewähltes und kontrolliertes Parlament sollte dabei den Charakter
der vollziehenden Gewalt selbst verändern. Nur: dieser emphatische
Öffentlichkeitsbegriff des Bürgertums bezog sich allein
auf den Mann als Privateigentümer. Während es den Nicht-Eigentümern
durch »Fleiß« immerhin theoretisch möglich
sein sollte, Eigentum und damit die angeblich zum Räsonieren
notwendige Autonomie zu erlangen, blieben Frauen und die BewohnerInnen
der unterworfenen Kolonien prinzipiell von einer politischen Beteiligung
ausgeschlossen. Sie wurden vielmehr zu Objekten des öffentlichen
Diskurses, wobei die unaufhörliche Rede vom »Wesen«
der Frau oder des »Fremden« immer wieder ihre Unterwerfung
legitimierte.
Es sind solcherlei Ausschlußmechanismen, gegen die sich das
formiert, was als Gegenöffentlichkeiten bezeichnet werden kann
also die Praxen, Kampf- und Organisationsformen all jener
sozialen Gruppen, die mit ihren Erfahrungen und Interessen aus hegemonialer
Öffentlichkeit ausgeschlossen bleiben.
Öffentlichkeit kaputt?
Nun gilt das, was z.B. Habermas als klassisch-bürgerliche Öffentlichkeit
idealisiert, als schon lange zerfallen. Schlimmer noch: selbst die
immer wieder beispielhaft angeführte griechische Polis hat
es in der von Habermas beschworenen Form nie gegeben. Trotz allem
beginnt der Habermassche Blues erst dort, wo die halluzinierte
Sphäre einer politisch autonomen Öffentlichkeit, die gar
als vierte Gewalt mit Kontrollfunktion den öffentlichen Gewalten
entgegengestellt wird, als massenmedial vermachtete Arena von oben
entfaltet wird.
Im Zentrum der Kritik steht dabei die Verwandlung eines diskutierenden,
literarischen Publikums in ein das Angebot der Massenmedien nur
konsumierendes Publikum. Öffentliche Kommunikation zerfalle
so über weite Strecken in die gleichförmigen Akte vereinzelter
Rezeption. Habermas folgt damit Adorno/Horkheimer, die bereits in
den technischen Bedingungen bestimmter Medien das Problem erblicken.
Eine solche Kritik entspringt allerdings einer nostalgischen Überhöhung
früher bürgerlicher Medien. Sie übersieht die Tatsache,
daß ein medienkompetentes Publikum, das gelernt hat, mit der
Geschwindigkeit der neuen, elektronischen Medien umzugehen, ebenso
eine TV-Sendung diskutieren kann. Eher ist da noch Baudrillard zuzustimmen,
der alle Massenmedien als Produzenten einer Nicht-Kommunikation
kritisiert. Tatsächlich ist in jede mediatisierte Form der
Kommunikation ein Machtverhältnis eingeschrieben, daß
sich nicht grundsätzlich aufheben lassen wird, da auch die
Kräfte der Emanzipation Medien benötigen, um ihre Erfahrungen,
Wünsche und Wahnvorstellungen zu verallgemeinern.
Das Problem liegt jedoch woanders: Habermas bemerkt richtig, daß
Öffentlichkeit heute in immer größerem Ausmaß
durch Werbe- und PR-Agenturen erzeugt wird, die für private
Unternehmen, Parteien und andere Interessensgruppen ein Produkt-Design,
ein öffentliches Image mit spezifischen Identifikationsangeboten
entwerfen, denen die KundInnen bereitwillig folgen. Heute setzen
nicht nur multinationale Unternehmen auf globale Marketing-Strategien,
auf Label und Logo. Dem neoliberalen Modell insgesamt geht es mittlerweile
weit weniger darum, die von ihm permanent produzierten sozialen
Konflikte mit sozialstaatlichen Integrationsangeboten abzufedern,
als diese durch eine immer aufwendiger betriebene Imagepolitik schlicht
zu zudecken.
Mehr denn je bedeutet Öffentliche Meinung also heute die akklamative
Zustimmung zu den von oben präsentierten Identifikationsangeboten.
Diese Entwicklung hat allerdings zwei grundlegende Ausschlußmechanismen
zur Voraussetzung:
1. Die Herrschaft der Öffentlichkeit, die ihren idealen Ausdruck
in der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie gefunden
haben will, beschränkt sich heute auf eine rein formale politische
Beteiligung, also im wesentlichen auf das Kreuz, das wir alle vier
Jahre auf den Wahlzetteln hinterlassen. Ausgeschlossen vom Kreislauf
der Macht werden wir so tatsächlich zu einem Publikum im modernen
passiv-politikverdrossenen Sinn des Wortes.
2. Der Ausschluß aus den politischen Beteiligungsverhältnissen
wird ergänzt durch einen weitreichenden Ausschluß aus
den Kommunikationsverhältnissen. Auch dort, wo wir vielleicht
Zugang zu eigenen Produktionsmitteln zur Herstellung von Kleinstmedien
besitzen, sind unsere Veröffentlichungen kaum konkurrenzfähig
mit solchen Medienprodukten, hinter denen die geballte Kapitalkraft
eines multinationalen Medienkonzerns steht.
Beides wird allerdings verschleiert, indem ein bestimmtes mediales
Arrangement von öffentlicher Kommunikation inszeniert wird.
Ein solches Arrangement bietet z.B. der »demokratisch ausgewogene«
Nachrichtenbeitrag, in dem alle zu Wort kommen: der verantwortliche
Politiker, der Sachverständige und der betroffene Bürger.
Auch wenn letzterer keine Einflußmöglichkeiten auf das
Wann-kommt-wer-wie-zu-Wort hat, signalisiert dieses Arrangement
dennoch: hier findet demokratische Öffentlichkeit statt.
Gegenöffentlichkeit auch kaputt?
Die bislang generalisierend beschriebenen Ausschlußmechanismen
betreffen allerdings weder alle gleich, noch sind sie die einzig
wirksamen. Vielmehr ergeben sich auf Grundlage bestimmter, in ihrer
Bedeutung sozial konstruierter, Kategorien wie Hautfarbe, Herkunft,
Geschlecht usw. hochausdifferenzierte Aus- bzw. Einschlußverhältnisse
und somit extrem unterschiedliche Chancen und Zugänge zu einer
materiellen, politischen und kulturellen Teilhabe.
Entlang dieser fein abgestuften Aus- und Einschlußmechanismen
entstehen immer seltener relativ homogene Gegenbewegungen. Eine
Sphäre von Gegenöffentlichkeit, wie sie sich noch in den
70er Jahren zumindest ansatzweise aus den vielfältigen Strömungen
der neuen sozialen Bewegungen herausbilden konnte, hat sich heute
weitestgehend in miteinander unverbundene Kleinst-Scenen, Subkulturen,
Interessensgruppen und Teilöffentlichkeiten aufgelöst.
Die zunehmenden gesellschaftlichen Spaltungsprozesse, eine Folge
der weltweit durchgesetzten Deregulierungsoffensive, bedingen dabei
nicht nur jene Ausdifferenzierung der Bewegungen, sondern führen
auch dazu, daß sich große Teile dieser Suböffentlichkeiten
heute allein auf die Durchsetzung egoistischer Gruppeninteressen
beschränken. Hinzu tritt, daß bei einem immer weiterreichenden
Ausschluß von minoritären oder dissidenten Positionen
auf der Ebene des Politischen und Real-Gesellschaftlichen, diese
Positionen auf der Ebene einer medialen Öffentlichkeit parasitär
aufgesogen und dem Spektakel der immer neuen Sensationen hinzugefügt
werden. Insofern der Kapitalismus tatsächlich dazu in der Lage
ist, alle Gesten der Dissidenz, jedes Zeichen der Differenz für
sich zu kidnappen, erhält das, was heute noch mit Gegenöffentlichkeit
gemeint sein könnte, mehr denn je eine rein situativ-kontextuelle
Funktion. Dies gilt umsomehr, da ein radikal Anderes in Bezug auf
die bestehenden Verhältnisse heute als kaum mehr denkbar erscheint.
Denn wenn die Eroberung der Macht nach den Erfahrungen der real-sozialistischen
Staaten tatsächlich kein Ziel mehr darstellt und wenn die Vorstellung
einer Ordnung, in der sich Herrschaft tatsächlich auflöst,
unter Berücksichtigung eines modernen Machtbegriffs (Macht
als permanente, diskursive Einschreibung in alle Verhältnisse
und Beziehungen) zurückgewiesen werden muß, dann kann
Emanzipation heute nur als eine anhaltende Aufgabe radikaler Machtbegrenzung
begriffen werden. Es geht demnach nicht mehr um die Gegenöffentlichkeit(en),
sondern um flexible Taktiken und Strategien, mittels derer den Strategien
der Macht immer wieder wirkungsvoll im Sinne einer Herrschaftsbegrenzung
entgegengetreten werden kann. Für eine linke Medienarbeit heißt
dies zwar nicht, auf die Foren und Organe einer Selbstverständigung,
auf »unsere« Medien, gänzlich zu verzichten, aber
eine taktische Medienarbeit müßte verstärkt versuchen,
Nischen in den hegemonialen Kanälen kurzfristig zu besetzen,
den Kampf um die Schnelligkeit /Schnellebigkeit der Informationen
aufzunehmen, die herrschenden Diskurse und Images zu sabotieren,
sowie mit eigenen Logos und PR-Strategien offene netzwerkartige
Bündnisse zu schaffen, wie sie vielleicht bereits mit Innenstadtaktionen,
Kein Mensch ist illegal oder reclaim the streets ansatzweise realisiert
wurden.
Aber das ist jetzt eine andere Melodie...
VeranstalterInnen von hybridvideotracks sind am
Vorabend von tv-control zu Gast im zakk und werden über ihre
Ausstellung berichten und deren Hintergründe berichten:
Donnerstag, 6.9. ab 20.00 im zakk.
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