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Ein historischer Spaziergang
durch «Das Viertel»

von Rolf Hundack.



 

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tv control | 27-8-2001
tv@citycrimecontrol.net


Äcker und Weiden, Sümpfe und Kloaken, winklige Gassen und staubige Wege, Bauernhäuser und Spelunken – Bremer BürgerInnen bietet sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Osterthor-Steinweg, je weiter sie nach Osten kommen, ein stellenweise idyllisch anmutendes, aber zunehmend unwirtliches Bild.

Zwischen den Wallanlagen und dem Dorf Hastedt wohnen nur wenige tausend Menschen, vor allem im altstadtnahen, heutigen Ostertorviertel. Jenseits des Steinthors mag sich kaum jemand ansiedeln, wird das Gebiet doch nahezu jährlich durch den Bruch des Eisenraddeichs von der Weser überschwemmt. Die BewohnerInnen der Vorstädte leben größtenteils von der Landwirtschaft. Dann gibt es da noch die wohlhabenden StadtbürgerInnen, die, vor allem an der Contrescarpe, nicht nur einen Sommersitz im Grünen haben, sondern diesen immer öfter in ein repräsentatives Wohnhaus am Rande der Altstadt wandeln. Ihnen sind HändlerInnen und HandwerkerInnen gefolgt.

Die Bremer Pfeffersäcke machen immer bessere Geschäfte in diesen Jahren, mit Übersee, vor allem mit dem «Export» von AuswandererInnen in die USA. Bremen hatte sich hierfür ein deutschlandweites Monopol gesichert. Mit dem Hinterland hingegen läuft wenig. Kaufleute und HandwerkerInnen der «Freien Hansestadt» waren wegen der hohen Zölle kaum konkurrenzfähig.

Die rechtlichen Grundlagen für eine profitable Bebauung der Vorstädte werden Anfang 1849 geschaffen: Große Teile des Landgebiets werden in die Vorstädte eingemeindet, die Torsperre wird aufgehoben, das Stadtgebiet vervierfacht sich. Während in anderen grossen deutschen Städten zusehends Mietskasernen für das immer größer werdende Industrieproletariat hingeklotzt werden, besteht in Bremen dafür vorerst kein Anliegen. So begründet 1849 ein Abgeordneter die Ablehnung eines entsprechenden Bauantrages durch den Konvent (Bürgerschaft): «Durch die Familienhäuser wird nicht nur ein Proletariat herangezogen, sondern auch die wilden Ehen gefördert, die ohnehin schon in ziemlicher Masse vorhanden sind». Die Pfeffersäcke sind besorgt, wenngleich die gescheiterte bürgerlich-demokratische Revolution 1848/49 auf Bremen nur wenige – und schon kaum proletarisch-klassenkämpferische Auswirkungen hatte. Aber man kann ja nie wissen. Gebaut wird statt dessen das später so genannte Bremer Haus, das, auch wenn es beim Gang durch die Straßen einen ziemlich individuellen Eindruck macht, im Prinzip ein Reihenhaus ist.

Rund 2600 dieser Häuser entstehen allein in den Jahren 1848 bis 1875 im Ostertor- und Steintorviertel. Die alten Gebäude, die noch zu Beginn des Jahrhunderts das Bild prägten, sind bis auf Ausnahmen – genauso wie ihre BewohnerInnen, die sich die Gegend nun kaum noch leisten können – verschwunden.

Ein lukratives Geschäft
In den 1850er/60er Jahren suchen die Kaufleute und Reeder nach Anlagemöglichkeiten für das reichlich vorhandene Kapital. Manche von ihnen investieren jetzt in die Bauwirtschaft, viele kaufen sich ein Haus in der östlichen Vorstadt. Wohnungsbau wird ein lukratives und spekulatives Geschäft. Gebaut wird nicht im Auftrag der späteren KäuferInnen, sondern massenhaft für einen anonymen Markt, in der Hoffnung, die Häuser dann möglichst gewinnbringend verkaufen zu können.

Stadtplanung findet im wesentlichen nicht statt, sie ergibt sich aus den Bedürfnissen des Kapitals. Bauunternehmer erwerben einige Grundstücke und holen sich beim Rat die Genehmigung für eine neue Straße. Freiflächen und Plätze, die die Blockstruktur der immer dichter nebeneinander liegenden Straßen auflockern könnten, sind nicht vorgesehen.

Allerdings: Hinterhöfe, die nur durch schmale Gänge zu erreichen sind, dürfen nach der Bauordnung von 1847 nicht mehr bebaut werden. Das «Gängeverbot» hat aber wenig mit fürsorglichen Erwägungen für die BewohnerInnen der zumeist elendigen Hinterhäuser zu tun. Die Entstehung sogenannter Arme-Leute-Viertel zu verhindern – oder per Sanierung aufzulösen –, ist prophylaktische Aufstandsbekämpfung und Kriminalpolitik (wie auch die Einführung der polizeilich «gewünschten» Straßenbeleuchtung im Jahre 1854). Denn für die Staatsmacht schwer kontrollierbare Hinterhäuser dienten «sehr leicht zum Verstecke für solche Individuen [...], die Ursache haben, sich und ihr Thun und Treiben der polizeilichen Aufsicht zu entziehen».

Während die Bebauung des Ostertorviertels nach nur rund zwölf Jahren 1860 im wesentlichen abgeschlossen ist, tut sich hinter dem Dobben zunächst noch wenig. Der Bau des neuen Deichs verläuft recht langsam, es mangelt an Erschliessungsstraßen und vor allem hat seit 1853 der Bebauungsplan des Bremer Baudirektors Alexander Schröder Gesetzeskraft. Schröders Gitternetzplan, dessen Straßen alle strikt Nord-Süd bzw. Ost-West ausgerichtet sind (wobei die vorhandenen Straßen erhalten bleiben) ist stark auf die erwartete sprunghafte Zunahme des Verkehrs ausgerichtet. 1874 ist dann auch der Großteil des Steintorviertels bebaut.

Wenngleich jetzt über 500 Häuser in der östlichen Vorstadt leer stehen. Immer öfter sind in den «Gründerjahren» (1871-75) nicht die kleineren Varianten des «Bremer Hauses», sondern – sie versprechen mehr Gewinn – größere Typen gebaut worden. Aber die gerade mit der Reichsgründung 1871 boomende Wirtschaft ist in die «Gründerkrise» geraten. Mit verheerenden Auswirkungen für «kleine» HausbesitzerInnen. Viele von ihnen verlieren jetzt durch Zwangsversteigerungen Haus und Hof. Auch (ehemals) wohlsituierte BürgerInnen können sich den Kauf eines solchen Hauses kaum noch leisten. Zumindest für ein paar Jahre.

«Umleitung der Lebensströme»

Anfang des 20. Jahrhunderts ist Bremen zu einem bedeutenden Industriestandort, eines der Zentren der Rüstungsindustrie geworden, die Bevölkerungszahl steigt rapide, immer mehr Arbeitskräfte werden ge-braucht. Stadtplanung soll sich an den Bedürfnissen der Industrie orientieren.
Mitte der 1920er Jahre diskutieren Stadtplaner erstmals den ‹grossen Wurf› zur «Umleitung der Lebensströme», soll heissen: des Verkehrs. Ein «Tangentenviereck» aus neuen und besseren Strassen soll angelegt werden, welche die historische Kernstadt umschließen. Doch woher den Platz dafür nehmen? Ganz einfach. Für die beiden wichtigsten Komponenten, zwei Weserbrükken westlich und östlich der Altstadt und ihre zuführenden Trassen, sollen die eher proletarische Stephanivorstadt sowie Teile des Ostertorviertels plattgemacht werden. Schade für die BewohnerInnen, aber, auch das wird recht unverblümt diskutiert, aus ordnungspolitischen Gründen «nicht unerwünscht». Denn das Ostertorviertel gilt als sanierungsbedürftig, die Bevölkerungsstruktur gilt als inhomogen und damit schwer kontrollierbar.
Die Trassendiskussion ist damit eröffnet, wenngleich die Pläne – vorerst – keine Chance auf Umsetzung haben. Genauso wenig wie die nationalsozialistischen der 1930er /40er Jahre, die das Ostertorviertel hinter einer Ostbrücke zum «festlichen Empfangsraum» für diejenigen machen wollen, die vom Flughafen her kommen.
Während im Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte Bremens durch die alliierten Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt wurde, bleibt die Östliche Vorstadt weitgehend erhalten. Hier gab es keine Häfen, keinen für den faschistischen Angriffskrieg bedeutsamen Schiffs- und Flugzeugbau, keine kriegswichtigen Betriebe. Doch der Bereich Ostertor-Remberti steht immer noch zum Abriß an, soll zugunsten einer Ostbrücke mit anschließender Trasse, die die Neustadt mit Schwachhausen und der Bahnhofsvorstadt verbindet, und der Erweiterung der Innenstadt großenteils verschwinden. Indes ist dies zwar in Zeiten massiver Wohnungsnot ein ziemlich unpopuläres Vorhaben, doch 1959 beschließt die Bürgerschaft die Bebauungspläne.
Städtische und private Grundstücks- und Wohnungsbaugesellschaften kaufen in den vorgesehenen Trassen Haus um Haus auf – und beginnen mit der zügigen Umsetzung der Pläne. Zunächst auf dem Gebiet des Rembertikreisels. Und da die Trasse das Wohngebiet ohnehin zerstören würde, was liegt näher als gleich (fast) das ganze Ostertorviertel abzureißen und neu zu bebauen? In einem Gefälligkeitsgutachten werden fast sämtliche Häuser im Gebiet zwischen geplanter Trasse, Ostertorsteinweg, Sielwall und Osterdeich – sowie weitere Teile des Viertels – als «in schlechtem Zustand befindlich» bzw. zu Gebäuden, «die aus städtebaulichen Gründen ganz oder teilweise erneuert werden müssen», erklärt. Vorgesehen ist statt dessen eine großflächige Stockwerksbebauung mit hoher Wohndichte.

Während die Stadtplaner sich in immer neuen Vorschlägen zur Trassenplanung ergehen, formiert sich ab Ende der 1960er Jahre der Widerstand der BewohnerInnen. Im Ostertorviertel wohnt derweil nur noch, wer schon immer dort gelebt hat oder sich nichts besseres leisten kann. Zu den Alteingesessenen kommen immer mehr Menschen, die hier billigen Wohnraum finden bzw. über das Sozialamt einquartiert werden – die Stadt, inzwischen gehört ihr fast jedes vierte Haus, will ihren Besitz bis zur Verwirklichung der Trassenpläne nutzen: Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen, MigrantInnen, StudentInnen (ab 1972), RentnerInnen.

Doch auch wenn es in schriftlichen wie in mündlichen Erinnerungen alter KämpferInnen ganz anders klingt: Der «Trassenkampf» wird nicht durch den virulenten Widerstand der Viertel-BewohnerInnen entschieden noch durch Jusos oder linke Sozis, Außerparlamentarische Opposition, Neue Linke oder Bürgerverein Östliche Vorstadt. Wesentlicher Grund dafür, daß Ende 1973 das endgültige Aus für die Trassenpläne verkündet wird, ist die sich anbahnende «Weltwirtschaftskrise». Die 1959 verkündete EinwohnerInnenzielzahl von 800.000 erweist sich damit als illusorisch.

Ungesund

Das Viertel gilt Mitte der 1970er Jahre als in jeglicher Hinsicht ziemlich heruntergekommen. In den stehengebliebenen Häusern wurde zumeist nur das Notwendigste zur Erhaltung der Bausubstanz getan. Da es den Anforderungen an «gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse» so gar nicht entspricht, kann es als Sanierungsgebiet ausgewiesen werden. Als «Sanierungsträger» wird 1973 die vom Senat eigens zu diesem Zweck (um)gegründete Bremische Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau mbH (kurz: Bremische) beauftragt. Doch die Sanierung eines Stadtteils bedeutet natürlich nicht nur Objektsanierung und Lükkenschließung, sondern gerade auch Ordnungspolitik, durchgesetzt in Form von Sozial- und Bevölkerungspolitik Denn auch um die soziale Struktur der BewohnerInnen ist es in den Augen von Stadtplanern und BehördenstrategInnen nicht zum besten bestellt. «Eine stärkere soziale Mischung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen [...] zu fördern», setzt das erste Sanierungskonzept der Baubehörde von 1973 als eines der zentralen Ziele, was besonders durch den Zuzug junger Familien geschehen soll.
Um das Sanierungsgebiet zu «gesunden», müssen Teile der Bevölkerung herausgedrängt und vor allem junge, innovative, konsumfreudige und kinderliebende BürgerInnen angelockt werden. Und das geht so: Ab 1976 wird versucht, über die Bremische den Großteil der Häuser an ihre vorherigen EigentümerInnen zurückzuverkaufen. Mit mäßigem Erfolg. Etwas besser läuft da schon der Verkauf an die gegenwärtigen MieterInnen. Klappt's mit dem Verkauf nicht, wird durch die Bremische «objektsaniert». Eine Vielzahl Bremer Häuser wird zumeist kleinfamiliengerecht umgebaut. Wer dort wohnt, darf später wieder einziehen, steht die Wohnung allerdings leer, wird sie an solche InteressentInnen vermietet, die geeignet erscheinen, die Sozialstruktur des Wohngebiets zu «verbessern». Dem Sozialwerk der Universität werden sämtliche Mietverträge gekündigt, MigrantInnen wird eine Umzugsprämie in die Nähe ihres Arbeitsplatzes gezahlt. Dennoch verläuft die Sanierung eher schleppend, immer noch stehen viele Häuser leer, weil sie renoviert werden müssen oder mit ihnen spekuliert werden soll. Ende des Jahrzehnts wird daher dazu übergegangen, vermehrt nicht sanierte Gebäude zu verkaufen. Hier schlagen vor allem LehrerInnen, SozialpädagogInnen, AnwältInnen und dergleichen mehr zu.
Viele können sich die neuen «frei erzielbaren» Mieten nicht leisten oder werden von den neuen BesitzerInnen (z.B. wegen Eigenbedarfs) hinausgeklagt. Nicht trotz, sondern gerade wegen der Sanierung gibt es im Viertel eine prekäre Wohnungsnot bei denjenigen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Dem abzuhelfen, werden ab Frühjahr 1979 im gesamten Ostertor- und Steintorviertel zahlreiche, meist unrenovierte Häuser besetzt, die der Stadt oder gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften gehören. Geräumt wird in der Regel nur, wenn die BesitzerInnen unmittelbar etwas mit den Gebäuden vorhaben. Oftmals gibt es, nach langwierigen Verhandlungen, befristete Nutzungsverträge, die später dann in Mietverträge gewandelt werden; zumal sich viele BesetzerInnen bei der Renovierung nützlich gemacht haben.

Die Bevölkerungsstruktur ändert sich aufgrund der erzwungenen Wanderungsbewegungen drastisch, wenngleich nicht nur im stadtplanerisch gewünschtem Maße. Zwar hat jetzt die Zielgruppe der 20- bis 40jährigen einen Bevölkerungsanteil von knapp 45%, doch die leben zu einem großen Teil in Wohngemeinschaften und wollen – noch – keine Kleinfamilie gründen. Das Viertel ist zum Sammelbecken für junge, dynamische, sich oftmals als alternativ oder links(radikal) verstehende Männer und Frauen geworden, die sich hier eine dem momentanen Lebensgefühl entsprechende Infrastruktur schaffen bzw. diese vorfinden. Das geht weit über WG-Gründungen hinaus: Kneipen und Dealer illegaler Drogen, Buchläden und Ateliers, Kinos und Discos, Schnickschnack- und Second-Hand-Läden, später das Lagerhaus oder das Sielwallhaus. Eine Subkultur, die durch «Rotlicht-Bars» und Strich, Loddel und Huren, türkische Gemüse- und Sonstwas-Händler noch ein zusätzliches Flair erhält.

«Trau keinem über 30»

Doch man und frau wird älter, gesetzter, sitzt jetzt vielleicht in den «Institutionen» (Schulen, Ortsamt, Behörden etc.) und hat neue, vor allem auch ökonomische Ansprüche entwickelt, will eine Familie – oder etwas ähnliches – gründen, hat die «Erkenntnis» gewonnen, daß sich (radikaler) Widerstand kaum lohnt, will aber gerade im subkulturellen Viertel schöner wohnen – «statt Schwachhausen». Schließlich hat man/frau dafür, manche schon gegen die «Trasse», gekämpft. Doch ein bißchen netter, sauberer dürfte es schon sein. Daher ist eine weitere «Wohnumfeldverbesserung» mehr als erwünscht, denn an moderner Infrastruktur mangelt es dem Viertel fast völlig: Sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung sind die sich ab Anfang der 1980er am Ostertorsteinweg breit machenden Boutiquen und Schickeria-Läden. Daß die von Autonomen mit «Scherbengerichten» kurzzeitig bekämpft werden, findet wenig Verständnis. Und doch haben die meisten, schließlich waren sie ja auch einmal jung, wenig Probleme damit, daß das Viertel zur auch polizeilich zugelassenen und, ob der hiesigen Konzentration, geförderten Spielwiese der autonomen Szene wird, so die es denn nicht übertreibt. In den kommenden Jahrzehnten werden Autonome, Linke und Alternative sich im Viertel zwar «austoben», zwischenzeitlich beträchtliche politische Wirkung entfachen können, doch weitgehend ins Leere laufen: Reden wir darüber, es wird sich, sofern machbar, schon eine Lösung finden.

Im größer gewordenen Deutschland der 1990er Jahre werden auch in Bremen die (Verteilungs)Spielräume kleiner, Repression ersetzt immer öfter Sozialpolitik. Ein großer Teil der, ausweislich der Wahlergebnisse, überwiegend links-alternativen BewohnerInnen scheint sein Hirn in der Biegung des Flusses (etwa in Höhe des Weserstadions) begraben zu haben. Befördert durch den staatlichen und medialen Sicherheitsdiskurs ist jetzt von «Verslumung des Viertels» die Rede. Schuld soll die hier seit den 1970er Jahren durch verschiedene polizeiliche und soziale Maßnahmen konzentrierte «offene Drogenszene» sein. Und diejenigen, die sich schon seit vielen Jahren nicht mehr politisch engagiert haben, finden sich jetzt wieder in Bürgerinitiativen und, kinderbewehrt, zu Demonstrationen, zusammen. Das «Elend» vor der eigenen Haustür nicht mehr länger mit angucken, sich nicht in der Konsumfreude stören lassen zu wollen, heißt aber nicht, sich in scharfen Analysen staatlicher Drogenpolitik zu versuchen. Statt dessen wird die Vertreibung der Junkies gefordert und, offen rassistisch, auch die der mutmaßlichen kurdischen oder heute schwarzen Dealer. Durchaus mit Erfolg. Aber um ganz sicher zu gehen, werden Schulen und Spielplätze, Parkplätze und Innenhöfe sowie 1991 unter anderem auch der Ostertorpark eingezäunt, zuvor eines der wenigen Naherholungsgebiete in der Gegend.

Auch wenn inzwischen die «offene Szene» so klein geworden ist, daß sich mit dem Thema – zumal andauernde polizeiliche Repression gesichert ist – kaum noch jemand auf die Straße locken läßt: DrogengebraucherInnen müssen seit Jahren für vieles Übel dieser Viertel-Welt herhalten. Und so manche AktivistInnen begreifen ihr «Engagement» als einen seit Jahrzehnten andauernden Kampf für das Viertel. So auch einige LeserinnenbriefschreiberInnen, die sich Anfang Juli an den Kurier am Sonntag wandten, um eine erneute Welle des gerechten Volkszorns gegen das verbliebene Häuflein Junkies zu organisieren. Da wird von Gerburg R.-D. ganz unverblümt der Bogen vom «Kampf um das Ostertor [...] vor 30 Jahren» wider besseren Wissens zur «offenen Szene» von heute geschlagen: «Inzwischen ist am Sielwall eine ganze Geschäftszeile verslumt, vier Geschäfte im Müll untergegangen, ihre sich aneinanderreihenden verwahrlosten Schaufenster bieten ein Bild wie auf Fotos von amerikanischen Ghettos.» Auch Lolo D. stört sich daran, daß am Eck »›zugedröhnte‹ Menschen lagern und Müll verbreiten». Und daß im Frühjahr ein Drogengebraucher zwecks Geldbeschaffung einen der hiesigen Läden überfiel, in dem eine Frau arbeitete, bietet ihr – wie auch anderen – Gelegenheit, das Problem endlich einmal unter einem neuen Gesichtspunkt zu verhandeln: Hierbei handele es sich nämlich um «Gewalt gegen Frauen». Allerdings: «Wer ›härteres Durchgreifen‹ und Schutz fordert, wird im Viertel schnell in die ›rechte Ecke‹ geschoben.» Lolo D. muß sich da keine Sorgen machen, sie steht schon lange dort. Allerdings ist diese «Ecke» schon lange keine mehr. Was nicht nur daran liegt, daß linke Versuche, den «Widerstand im Viertel [zu] organisieren» – auch aus Desinteresse der eigenen Klientel – zumeist kläglich gescheitert sind.

(Text redaktionell gekürzt)


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