TV control -- Die Fernseh Illustrierte
 

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Gegen Öffentlich

von Carsten Does



 

tv control (cover)

tv control | 27-8-2001
tv@citycrimecontrol.net


»Gegenöffentlichkeit schaffen, Genossen!« – So hieß ein sonderbarer Popsong der 70er Jahre, der immer dann kollektiv angestimmt wurde, wenn es – zumeist nach irgendeiner Schweinerei des Systems – galt, politisch zu intervenieren. Inflationär gebraucht, verschwand der Begriff spätestens Mitte der 80er in der Nostalgie-Schublade für selbstgestrickte Alternativ-Floskeln. Seitdem wird das, was mit dem Begriff gemeint sein könnte, in regelmäßigen Abständen neu besungen, für »out« erklärt und kurz darauf – Oldie but Goldie – erneut wiederbelebt. Was genau ist aber Gegenöffentlichkeit? Und was müssen wir tun, um an sie zu glauben?
Von Carsten Does (hybridvideotracks)

Rückblende: Im Prozeß der bürgerlichen Revolutionen begann das politisch räsonnierende Publikum, wie es Kant nannte, also jenes dem neuen Medium Zeitung zugewandte Bürgertum, das sich bei Tee und Gebäck zur kritischen Diskussion des Gelesenen in den Salons einfand, dem Obrigkeitsstaat die öffentliche Gewalt streitig zu machen. Der obrigkeitsstaatliche Herrschaftswille sollte durch die öffentliche Konkurrenz privater Argumente ersetzt werden, in der sich auf vernünftige Weise das im allgemeinen Interesse Liegende herstellt. Ein durch die Öffentlichkeit gewähltes und kontrolliertes Parlament sollte dabei den Charakter der vollziehenden Gewalt selbst verändern. Nur: dieser emphatische Öffentlichkeitsbegriff des Bürgertums bezog sich allein auf den Mann als Privateigentümer. Während es den Nicht-Eigentümern durch »Fleiß« immerhin theoretisch möglich sein sollte, Eigentum und damit die angeblich zum Räsonieren notwendige Autonomie zu erlangen, blieben Frauen und die BewohnerInnen der unterworfenen Kolonien prinzipiell von einer politischen Beteiligung ausgeschlossen. Sie wurden vielmehr zu Objekten des öffentlichen Diskurses, wobei die unaufhörliche Rede vom »Wesen« der Frau oder des »Fremden« immer wieder ihre Unterwerfung legitimierte.
Es sind solcherlei Ausschlußmechanismen, gegen die sich das formiert, was als Gegenöffentlichkeiten bezeichnet werden kann – also die Praxen, Kampf- und Organisationsformen all jener sozialen Gruppen, die mit ihren Erfahrungen und Interessen aus hegemonialer Öffentlichkeit ausgeschlossen bleiben.

Öffentlichkeit – kaputt?
Nun gilt das, was z.B. Habermas als klassisch-bürgerliche Öffentlichkeit idealisiert, als schon lange zerfallen. Schlimmer noch: selbst die immer wieder beispielhaft angeführte griechische Polis hat es in der von Habermas beschworenen Form nie gegeben. Trotz allem beginnt der Habermas’sche Blues erst dort, wo die halluzinierte Sphäre einer politisch autonomen Öffentlichkeit, die gar als vierte Gewalt mit Kontrollfunktion den öffentlichen Gewalten entgegengestellt wird, als massenmedial vermachtete Arena von oben entfaltet wird.
Im Zentrum der Kritik steht dabei die Verwandlung eines diskutierenden, literarischen Publikums in ein das Angebot der Massenmedien nur konsumierendes Publikum. Öffentliche Kommunikation zerfalle so über weite Strecken in die gleichförmigen Akte vereinzelter Rezeption. Habermas folgt damit Adorno/Horkheimer, die bereits in den technischen Bedingungen bestimmter Medien das Problem erblicken. Eine solche Kritik entspringt allerdings einer nostalgischen Überhöhung früher bürgerlicher Medien. Sie übersieht die Tatsache, daß ein medienkompetentes Publikum, das gelernt hat, mit der Geschwindigkeit der neuen, elektronischen Medien umzugehen, ebenso eine TV-Sendung diskutieren kann. Eher ist da noch Baudrillard zuzustimmen, der alle Massenmedien als Produzenten einer Nicht-Kommunikation kritisiert. Tatsächlich ist in jede mediatisierte Form der Kommunikation ein Machtverhältnis eingeschrieben, daß sich nicht grundsätzlich aufheben lassen wird, da auch die Kräfte der Emanzipation Medien benötigen, um ihre Erfahrungen, Wünsche und Wahnvorstellungen zu verallgemeinern.
Das Problem liegt jedoch woanders: Habermas bemerkt richtig, daß Öffentlichkeit heute in immer größerem Ausmaß durch Werbe- und PR-Agenturen erzeugt wird, die für private Unternehmen, Parteien und andere Interessensgruppen ein Produkt-Design, ein öffentliches Image mit spezifischen Identifikationsangeboten entwerfen, denen die KundInnen bereitwillig folgen. Heute setzen nicht nur multinationale Unternehmen auf globale Marketing-Strategien, auf Label und Logo. Dem neoliberalen Modell insgesamt geht es mittlerweile weit weniger darum, die von ihm permanent produzierten sozialen Konflikte mit sozialstaatlichen Integrationsangeboten abzufedern, als diese durch eine immer aufwendiger betriebene Imagepolitik schlicht zu zudecken.
Mehr denn je bedeutet Öffentliche Meinung also heute die akklamative Zustimmung zu den von oben präsentierten Identifikationsangeboten. Diese Entwicklung hat allerdings zwei grundlegende Ausschlußmechanismen zur Voraussetzung:
1. Die Herrschaft der Öffentlichkeit, die ihren idealen Ausdruck in der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie gefunden haben will, beschränkt sich heute auf eine rein formale politische Beteiligung, also im wesentlichen auf das Kreuz, das wir alle vier Jahre auf den Wahlzetteln hinterlassen. Ausgeschlossen vom Kreislauf der Macht werden wir so tatsächlich zu einem Publikum im modernen passiv-politikverdrossenen Sinn des Wortes.
2. Der Ausschluß aus den politischen Beteiligungsverhältnissen wird ergänzt durch einen weitreichenden Ausschluß aus den Kommunikationsverhältnissen. Auch dort, wo wir vielleicht Zugang zu eigenen Produktionsmitteln zur Herstellung von Kleinstmedien besitzen, sind unsere Veröffentlichungen kaum konkurrenzfähig mit solchen Medienprodukten, hinter denen die geballte Kapitalkraft eines multinationalen Medienkonzerns steht.
Beides wird allerdings verschleiert, indem ein bestimmtes mediales Arrangement von öffentlicher Kommunikation inszeniert wird. Ein solches Arrangement bietet z.B. der »demokratisch ausgewogene« Nachrichtenbeitrag, in dem alle zu Wort kommen: der verantwortliche Politiker, der Sachverständige und der betroffene Bürger. Auch wenn letzterer keine Einflußmöglichkeiten auf das Wann-kommt-wer-wie-zu-Wort hat, signalisiert dieses Arrangement dennoch: hier findet demokratische Öffentlichkeit statt.

Gegenöffentlichkeit – auch kaputt?
Die bislang generalisierend beschriebenen Ausschlußmechanismen betreffen allerdings weder alle gleich, noch sind sie die einzig wirksamen. Vielmehr ergeben sich auf Grundlage bestimmter, in ihrer Bedeutung sozial konstruierter, Kategorien wie Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht usw. hochausdifferenzierte Aus- bzw. Einschlußverhältnisse und somit extrem unterschiedliche Chancen und Zugänge zu einer materiellen, politischen und kulturellen Teilhabe.
Entlang dieser fein abgestuften Aus- und Einschlußmechanismen entstehen immer seltener relativ homogene Gegenbewegungen. Eine Sphäre von Gegenöffentlichkeit, wie sie sich noch in den 70er Jahren zumindest ansatzweise aus den vielfältigen Strömungen der neuen sozialen Bewegungen herausbilden konnte, hat sich heute weitestgehend in miteinander unverbundene Kleinst-Scenen, Subkulturen, Interessensgruppen und Teilöffentlichkeiten aufgelöst. Die zunehmenden gesellschaftlichen Spaltungsprozesse, eine Folge der weltweit durchgesetzten Deregulierungsoffensive, bedingen dabei nicht nur jene Ausdifferenzierung der Bewegungen, sondern führen auch dazu, daß sich große Teile dieser Suböffentlichkeiten heute allein auf die Durchsetzung egoistischer Gruppeninteressen beschränken. Hinzu tritt, daß bei einem immer weiterreichenden Ausschluß von minoritären oder dissidenten Positionen auf der Ebene des Politischen und Real-Gesellschaftlichen, diese Positionen auf der Ebene einer medialen Öffentlichkeit parasitär aufgesogen und dem Spektakel der immer neuen Sensationen hinzugefügt werden. Insofern der Kapitalismus tatsächlich dazu in der Lage ist, alle Gesten der Dissidenz, jedes Zeichen der Differenz für sich zu kidnappen, erhält das, was heute noch mit Gegenöffentlichkeit gemeint sein könnte, mehr denn je eine rein situativ-kontextuelle Funktion. Dies gilt umsomehr, da ein radikal Anderes in Bezug auf die bestehenden Verhältnisse heute als kaum mehr denkbar erscheint. Denn wenn die Eroberung der Macht nach den Erfahrungen der real-sozialistischen Staaten tatsächlich kein Ziel mehr darstellt und wenn die Vorstellung einer Ordnung, in der sich Herrschaft tatsächlich auflöst, unter Berücksichtigung eines modernen Machtbegriffs (Macht als permanente, diskursive Einschreibung in alle Verhältnisse und Beziehungen) zurückgewiesen werden muß, dann kann Emanzipation heute nur als eine anhaltende Aufgabe radikaler Machtbegrenzung begriffen werden. Es geht demnach nicht mehr um die Gegenöffentlichkeit(en), sondern um flexible Taktiken und Strategien, mittels derer den Strategien der Macht immer wieder wirkungsvoll im Sinne einer Herrschaftsbegrenzung entgegengetreten werden kann. Für eine linke Medienarbeit heißt dies zwar nicht, auf die Foren und Organe einer Selbstverständigung, auf »unsere« Medien, gänzlich zu verzichten, aber eine taktische Medienarbeit müßte verstärkt versuchen, Nischen in den hegemonialen Kanälen kurzfristig zu besetzen, den Kampf um die Schnelligkeit /Schnellebigkeit der Informationen aufzunehmen, die herrschenden Diskurse und Images zu sabotieren, sowie mit eigenen Logos und PR-Strategien offene netzwerkartige Bündnisse zu schaffen, wie sie vielleicht bereits mit Innenstadtaktionen, Kein Mensch ist illegal oder reclaim the streets ansatzweise realisiert wurden.
Aber das ist jetzt eine andere Melodie...

VeranstalterInnen von hybridvideotracks sind am Vorabend von tv-control zu Gast im zakk und werden über ihre Ausstellung berichten und deren Hintergründe berichten:
Donnerstag, 6.9. ab 20.00 im zakk.


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